Intelligente Prozessoptimierung in der Verfahrenstechnik



Einführung

Die Produktfamilie DataEngine ermöglicht die effiziente Nutzung von Prozessdaten zur Verbesserung der Prozessführung. Durch den Einsatz intelligenter Technologien können zusätzliche Informationen über das Prozessverhalten gewonnen werden. Methoden der Fuzzy-Technologie und der neuronalen Netze stehen als Softwarebausteine zur Verfügung, um relevante Einflussgrößen für die Modellierung eines chemisch-technischen Verfahrens zu finden, ein Prozessmodell zu identifizieren und die Anlageneinstellung oder die Prozesssteuerung zu optimieren.

Ziel des vorliegenden Berichts ist es, einen Überblick über verfahrenstechnische Anwendungsgebiete dieser intelligenten Technologien zu geben, dabei einen Eindruck von den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und den jeweils erzielten Verfahrensverbesserungen zu vermitteln. Die Verbesserungen lassen sich verglichen mit konventionellen Modellierungs- und Optimierungsmethoden durch einen geringeren Aufwand im Rahmen einer Projektdurchführung realisieren. Dieser Bericht skizziert die dazu erforderlichen Arbeitsschritte.

Im folgenden werden zunächst die Begriffe Prozess und Prozessoptimierung im Kontext der Verfahrenstechnik inhaltlich abgegrenzt, um eine einheitliche Sichtweise des betrachteten Anwendungsfeldes zu gewährleisten. Der zweite Abschnitt umfasst eine Beschreibung von Grundkonzepten und Vorgehensweisen bei der Durchführung eines Projektes zur Prozessoptimierung. Abschnitt drei beschreibt industriell realisierte Anwendungen von DataEngine zur Prozessoptimierung in sieben Kurzberichten aus verschiedenen Branchen sowie drei detailliertere Applikationen. Sie beziehen sich auf die typischen Anwendungsfelder Führung von Chargenprozessen, Betriebspunktoptimierung von Fließprozessen und das modellgestützte Messen in der Verfahrenstechnik.

1.1 Prozess

Als Prozess bezeichnet man die Umformung, den Transport und/oder die Speicherung von Materie, Energie und/oder Information.(1) Neben dieser ganz allgemeinen Definition für einen Prozess stehen im folgenden jedoch chemisch-technische Verfahren im Vordergrund. Kennzeichen von technischen Prozessen ist, dass deren Zustandsgrößen mit technischen Mitteln gemessen, gesteuert und/oder geregelt werden können. Kennzeichen von chemischen Prozessen ist, dass Stoffe unter Einwirkung von Informationen bei Energieumsetzung ihre Eigenschaften ändern.(2)

Jeder chemisch-technische Herstellungsprozess (Verfahren) besteht aus einer Aufeinanderfolge von Teilvorgängen, die als Grundverfahren bezeichnet werden. Ändern die Grundverfahren die am Verfahren beteiligten Stoffe nicht, dann spricht man von physikalischen Grundverfahren, z.B. Zerkleinern oder Trennen von Stoffen. Die Teilverfahren, die den chemischen Umsatz, eine Veränderung der am Verfahren beteiligten Stoffe herbeiführen, bezeichnet man als chemische Grundverfahren. Dazu zählen alle chemischen Reaktionen überhaupt bzw. das Verbinden von Einsatzstoffen zu einem neuen Ausgangsstoff.

Die Gewinnung, Herstellung oder Beseitigung von Stoffen oder Produkten in einem verfahrenstechnischen ProduktionsProzess in einer Folge von chemischen, physikalischen oder biologischen Vorgängen lässt sich mit Hilfe des Phasenmodells der Produktion strukturieren. In Abbildung 1 stellen die rechteckigen Kästchen jeweils Produktionsabschnitte dar, in denen durch Operationen die eingesetzten Stoffe in erzeugte Produkte umgeformt werden. Die Kreise der Knoten symbolisieren jeweils Produkte mit definierten Produkteigenschaften. Die Eigenschaften der Teilprozesse werden durch Sensoren erfasst und durch Aktoren beeinflusst. Tabelle 1 verdeutlicht, was unter Produkt- und Prozesseigenschaften zu verstehen ist. Der Ablauf, nach dem auf den Prozess eingewirkt wird bzw. nach dem die Operationen ausgeführt werden, um aus Einsatzstoffen das gewünschte Produkt zu erzeugen, wird in einer Herstellvorschrift beschrieben. Zusammen mit einer Vorschrift über die einzusetzenden Stoffe und die zu verwendenden Apparate bilden diese drei Bestandteile die Rezeptur des Produkts.

Abbildung 1: Phasenmodell der Produktion nach Polke(3).

[Ei]=Produkteigenschaft, [Pj]=Prozesseigenschaft

Prozesseigenschaften

Beispiel

Produkteigenschaften

Beispiel

Zustandsvariable

Physikalische Eigenschaften

beschreibt den Prozess unmittelbar

Druck

durch phänomenologische Theorie definiert

kinematische Viskosität

Prozessparameter

Chemische Eigenschaften

(quasi)stationäre Randbedingung

Wärmedurchgangszahl

durch phänomenologische Theorie definiert

Steuergrößen

Technologische Eigenschaften

charakterisieren Eingriff in den Prozess

Ventilstellung

in besonderen Prüfverfahren bestimmt

Einstellparameter

Produktindikatoren

Ersatzinformation, korreliert zu gewünschter Steuergröße

Rührerdrehzahl

Ersatzinformation, korreliert mit physikalischen

und chemischen Eigenschaften

Prozessindikatoren

Ersatzinformation, korreliert zu Zustandsvariable

Tabelle 1: Prozess- und Produkteigenschaften

Abhängig von der Rezeptur und der daraus resultierenden Prozessführung können verfahrenstechnische Produktionsprozesse nach der Betriebsweise in Chargen- und Fließprozesse klassifiziert werden. Chargenprozesse verlaufen diskontinuierlich mit schubweisem Stofffluss im Zyklus Füllen, Bearbeiten, Entleeren. Die charakteristischen Zustandsgrößen Druck, Temperatur und Konzentration sind bei idealer Durchmischung ortsunabhängig, aber zeitvariant. Der Prozess verläuft instationär. Fließprozesse hingegen werden stetig betrieben mit ununterbrochenen Stoff- und Energieströmen. Bei Idealbetrieb sind die charakteristischen Zustandsgrößen Druck, Temperatur und Konzentration entlang des Strömungsweges im Apparat örtlich verschieden, aber zeitinvariant. Der Prozess verläuft stationär.

Die Überwachung, Steuerung und Regelung der Chargen- und Fließprozesse wird von einem Prozessautomatisierungssystem(4) unterstützt. Unabhängig von der Betriebsweise des Herstellungsverfahrens ist es Aufgabe der Prozessleittechnik, aus Kenntnis des Prozesszustands so auf die Stellgeräte einzuwirken, dass bei den vorgegebenen Randbedingungen das Produkt in erforderlicher Menge und Qualität mit geringsten Kosten produziert wird. Auf diese Teilaufgabe der Prozessautomatisierung soll im folgenden Abschnitt näher eingegangen werden.

1.2 Prozessoptimierung

Viele verfahrenstechnische Anlagen arbeiten nicht unter Nutzung ihres vollen Potentials. Durch Optimierung von Anlagenteilen und der Prozessführung kann dann die Anlageneffizienz noch gesteigert und ein größerer Gewinn realisiert werden.

Die Prozessoptimierung umfasst die Bestimmung und Einstellung solcher Prozesszustände, die ein festgelegtes Zielkriterium optimieren, so dass gleichzeitig vorgegebene Restriktionen eingehalten werden. Sofern erforderlich, wird im Rahmen der Prozessoptimierung zunächst eine verfahrenstechnische Verfeinerung oder Verbesserung vorgenommen und die Übertragbarkeit von Prozessanalyseergebnissen auf die Produktionsanlage geprüft (Fertigungsmitteloptimierung), bevor die Betriebspunktoptimierung durchgeführt wird.

Die Fertigungsmitteloptimierung umfasst also alle Aspekte der strukturellen Konfiguration der verfahrenstechnischen Anlage. Ziel hierbei ist, die Komponenten der Produktionsanlage, insbesondere auch die Sensorik, so auszuwählen, dass für die Prozesssicherheit(1) und Reproduzierbarkeit optimale Voraussetzungen geschaffen werden. Gleichzeitig werden damit Randbedingungen für eine Betriebspunktoptimierung festgelegt. Die Betriebspunktoptimierung ermittelt dann die optimalen Sollwerte für die Prozessführung.

Allgemein können Zielgrößen der Prozessoptimierung Aspekte der Produktivität und Wirtschaftlichkeit, Operabilität und Verfügbarkeit, Produktqualität, Bedienbarkeit, Sicherheit und der Umweltschutz sein. Eine weitergehende Aufschlüsselung dieser Ziele in Teilziele ist in Tabelle 2 enthalten.


Produktivität und Wirtschaftlichkeit

  • Erhöhung des Ausstoßes, der Ausbeute (Wirkungsgrad) und des Durchsatzes
  • Minimierung des Rohstoffeinsatzes
  • Minimierung des Energieeinsatzes
  • Minimierung des Zeitbedarfs der Produktion
  • Reduzierung der Anfahr- und Abstellzeiten
  • Minimierung von Umstellzeiten, z.B. Beim Einstellen neuer Betriebszustände
  • Verkürzung der Durchlaufzeiten
  • Ausnutzung und Erhöhung der Kapazitäten

Qualität

  • Erhöhung der Reproduzierbarkeit der Fahrweise
  • Minimierung von Schwankungsbreiten und Toleranzgrenzen
  • Reduzierung von Ausschussproduktion
  • Erhöhung des Niveaus und der Konstanz der Qualität
  • Reduktion von Qualitätskosten
  • Verringerung des Analyseaufwands

Operabilität und Verfügbarkeit

  • Stabilisierung des Betriebs
  • Reduktion der Störungsempfindlichkeit
  • Verbesserung der Dynamik bzw. der Einregelzeiten
  • Bereitstellung der Operabilität der Anlage
  • Erhöhung der Toleranz gegen Rohstoffschwankungen
  • Erhöhung der Transparenz des Prozesszustands
  • Erhöhung der Prozessfähigkeit
  • Erhöhung der Flexibilität
  • Erhöhung der Robustheit
  • Erhöhung der Anlagenverfügbarkeit
  • Vermeidung von Ausfällen
  • Reduktion der Ausfallzeiten
  • Erhöhung der Anlagenlaufzeiten (on-stream-factor)

Bedienbarkeit

  • Steigerung der Effizienz des Personaleinsatzes
  • Entlastung des Personals von gleichförmigen Tätigkeiten/Routine
  • Beherrschung von Bedienerwechseln
  • Erhöhung des Bedienkomforts

Sicherheit

  • Erhöhung der Prozess und Betriebssicherheit
  • Erhöhung der Arbeitssicherheit
  • Verbesserung der Arbeitsbedingungen

Umweltschutz

  • Minimierung der Umweltbelastung
  • Erhöhung der Umweltverträglichkeit
  • Minderung von Emissionen
  • Einsparung von Abwasser
  • Minimierung des Reststoffanfalls

Tabelle 2: Einige Ziele der Prozessoptimierung.(2)

Das in einer Anlage bestehende Optimierungspotential lässt sich durch Anwendung von Techniken gehobener Prozessführungsstrategien erschließen, weil hierbei

  • durch gezielte Kopplung von einzelnen Prozessgrößen oder Verwenden von über Modelle verknüpften Messgrößen Wechselwirkungen höherer Ordnung berücksichtigt werden und
  • die Prozessführungsstrategie mit erweitertem Prozesswissen durch Verwenden von Prozessmodellen und Simulatoren ausgelegt wird verglichen mit klassischen Eingrößenregelungen/-steuerungen.

Konventionelle Methoden

Moderne Methoden

Signalverarbeitung

Fuzzy-Regeln

Parameterschätzung

Fuzzy-Clustering

Simulation

Neuronale Netze

Kennfeldregelung

Genetische Algorithmen

Adaptive Regelung

Fuzzy Control

Tabelle 3: Auswahl von Methoden der gehobenen Prozessführung(3)

Einige Techniken gehobener Prozessautomatisierung sind in Tabelle 3 aufgelistet. Die konventionellen Techniken werden durch moderne Methoden der intelligenten Prozessoptimierung wesentlich erweitert. Kombinationen aus beiden Bereichen sind möglich, z.B. adaptive Fuzzy Controller. Die Entscheidung, intelligente Methoden wie neuronale Netze und Fuzzy Systeme zur Prozessmodellierung und -optimierung einzusetzen, statt konventionelle Modellierungstechniken zu verwenden, ist insbesondere bei Prozessen mit den folgenden Eigenschaften zu empfehlen:

  • Einfluss vieler Prozessvariablen auf die Arbeitsweise des Prozesses
  • Prozessdynamik komplex, stark verkoppelt und nichtlinear
    Prozesse mit (teilweise) unbekannten Gesetzmäßigkeiten

Viele verfahrenstechnische Prozesse besitzen gerade diese speziellen Eigenschaften, hinzu kommen noch Totzeiten und eine Vermaschung der Stoff- und Energieströme in den Anlagen. Konventionelle, meist lineare Techniken versagen dann, wenn sie zur Auswahl der dominanten Einflussgrößen eines Prozesses oder zur Beschreibung des Wirkungszusammenhangs zwischen den Prozessgrößen herangezogen werden sollen.


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