Intelligente Prozessoptimierung in der
Verfahrenstechnik
2 Arbeitsschritte zur intelligenten Prozessoptimierung
Unabhängig von einer konkreten Anwendung sind zur Optimierung
eines Systems regelmäßig dieselben Grundkonzepte und
Vorgehensweisen anwendbar. Es gibt vier Phasen, die durchlaufen werden
müssen, bevor ein Prozess gesteuert werden kann:
- Definieren des Prozesses
- Beobachten des Systems
- Diagnostizieren aufgrund gewonnener Information
- Optimieren des Prozesses
Entsprechend diesem Phasenschema soll auf die Arbeitsschritte im
Rahmen eines Projektes zur intelligenten Prozessoptimierung
eingegangen werden.
2.1 Definition der Rahmenbedingungen
a) Aufgabenstellung und Zielgrößenfestlegung
Die Aufgabenstellung zur Prozessoptimierung umfasst eine
kurze Prozessbeschreibung sowie die Zielsetzung der Optimierung.
Besteht die Optimierungsaufgabe in einer mehrfachen Zielsetzung, so
ist zusätzlich die Vorgehensweise festzulegen, wie eine Kompromisslösung
erreicht werden kann.
b) Erfassen der Softwareinfrastruktur
|
DataEngine Produktfamilie |
|
Software zur Intelligenten Datenanalyse mit: |
|
- Algorithmischen Methoden |
- Wissensbasierten Methoden |
- Neuronalen Netzen |
Tabelle 4: Einsatzbereiche der
Softwareprodukte
Die Bearbeitung der Aufgabenstellung erfolgt in der Regel unter
Verwendung der Softwareprodukte der MIT GmbH, Aachen, vgl. Tabelle 4.
Zur Einbindung eines zu erstellenden Systems in die Prozessumgebung
des Anwenders sind in dieser Phase die Schnittstellenanforderungen zum
Prozessleitsystem zu erfassen und die Art und Weise der Prozessankopplung
zu definieren. Darauf abgestimmt kann der passende Softwarebaustein
der DataEngine Produktfamilie gewählt werden (Tabelle 5).
|
DataEngine |
DataEngine ADL |
DataEngine V.i. |
|
Werkzeug
zur
effektiven
Datananalyse |
Funktionsbibliothek zur
Integration in
Prozessleitsystem und
Programme des Anwenders |
Funktionsbibliothek
zur
Integration
in LabVIEW |
Tabelle 5: Softwarebausteine der DataEngine
Produktfamilie
2.2 Datenaufnahme
Der Prozessoptimierung geht eine Prozessanalyse voraus, in
der das Prozessverhalten systematisch untersucht wird. Die
experimentelle Prozessanalyse hat zum Ziel, die Wirkungszusammenhänge
zwischen Prozess- und Zielgrößen mit Hilfe von Prozessdaten
zu identifizieren. Zur Datenaufnahme wird entweder ein Versuchsplan
mit systematischer Parametervariation aufgestellt und durchgeführt
oder man verwendet Prozessdaten aus bereits während der
regulären Produktion aufgenommenen Prozessdurchläufen.
2.3 Datenanalyse und Optimierung
Mit der Datenanalyse wird nach einer Struktur in den zur Verfügung
stehenden Daten gesucht. Ziel ist es, die Komplexität des
Datenmaterials zu reduzieren und relevante Informationen aus den Daten
zu extrahieren, die Wissen über Ursache-Wirkungszusammenhänge
abbilden. Die Analyse erfolgt schrittweise.
|
Mathematische Methoden |
Signalverarbeitung |
Statistische Methoden |
- Normierung
- Transformation mit Funktionen
- Differentiation
- Integration
|
- Datenglättung
- Digitale Filter
- Fourier-Transformation
- Inverse Fourier-Transformation
|
- Allgemeine Statistikwerte
- Korrelation
- Regression
- Histogramme
|
Tabelle 6: Methoden der Datenvorverarbeitung
a)
Datenvorverarbeitung und Merkmalsauswahl
Bei der Merkmalsauswahl werden zunächst in einer groben Analyse
aller Prozessvariablen diejenigen bestimmt, die einen
signifikanten Einfluss auf das Verhalten des Prozesses besitzen.
In Abstimmung mit den Experten des Anwenders lässt sich möglicherweise
die Anzahl der zu betrachtenden Variablen schon a priori reduzieren.
Anschließend wählt man zur weiteren Komplexitätsreduktion
aus diesen Prozessmerkmalen diejenigen aus, die die betrachteten
Zielgrößen am stärksten beeinflussen.
In vielen praktischen Problemstellungen ist eine Vorverarbeitung der
gemessenen Daten notwendig. Sind Fehlstellen in den Daten vervollständigt
und Ausreisser angepasst, können die Prozessdaten
mit Methoden der Signalverarbeitung und durch Anwenden statistischer
Methoden für die Modellbildung vorbereitet werden (Tabelle
6).(1) Als Ergebnis der
Datenvorverarbeitung sind die relevanten Prozessgrößen
bewertet, von Störungen bereinigt und in eine aussagekräftige
Form transformiert. Die Ansätze zur Datenvorverarbeitung dienen
damit gleichzeitig auch der Merkmalsauswahl.
b) Modellbildung:
Das Prozessmodell stellt den Wirkungszusammenhang zwischen den
als relevant identifizierten Prozessgrößen und den
Zielgrößen her. Die Prozessdaten dienen dazu, das
Verhalten des Modells an das des realen Prozess anzupassen. Je
nach Problemstellung werden verschiedene Methoden zur Modellbildung
eingesetzt. Sie lassen sich in die drei Bereiche der algorithmischen,
der wissensbasierten und der neuronalen Methoden unterteilen,
Methodenkombinationen sind ebenfalls möglich. Typische
Einsatzbereiche der Methodenklassen sind Tabelle 7 zu entnehmen.
|
Methode |
Regeln mit linguistischen Variablen |
Fuzzy-Clusteranalyse |
Neuronale Netze |
|
Methodenklasse |
wissensbasiert |
algorithmisch |
neuronal |
|
Informations-
speicherung |
in linguistischer Form |
in Klassenzentren |
in Wichtungsfaktoren des Netzes |
|
Typische Anwendungsfelder |
Fuzzy Control
Diagnose
Überwachung |
Qualitätskontrolle
Prozessanalyse |
Betriebspunktoptimierung
Modellierung chemisch-technischer Prozesse
Modellierung chemisch-technischer Prozesse
Modellgestütztes Messen |
Tabelle 7: Eigenschaften von intelligenten
Methoden zur Prozessmodellierung
Im Hinblick auf die weitere Verwendung des erstellten Modells lassen
sich zwei Einsatzbereiche unterscheiden:
Messtechnik
Als Informationsquelle benötigte Zielgrößen sind häufig
nicht direkt messbar, sondern nur in zeitaufwendigen
Laboruntersuchungen. Prozessmodelle können aber benutzt
werden, um mit leicht messbaren Prozessgrößen auf
die Zielgröße zu schließen. So wird eine online
Messung der Zielgröße ermöglicht. Auf diesem Wege kann
die Prozessführung verbessert werden, weil die benötigten
Informationen direkt zur Verfügung stehen, unmittelbar in den
Prozessablauf eingegriffen werden kann und somit Totzeiten in der
Prozessdatenverarbeitung eliminiert werden.
Prozessführung
Prozessmodelle bieten direkte Unterstützung bei der Prozessführung,
indem sie zur Simulation des Prozessablaufs herangezogen werden.
Ausgehend vom aktuellen Prozesszustand kann die Reaktion auf
Stellgrößenänderungen vorhergesagt werden. Umgekehrt
ist es möglich, durch Invertierung des Prozessmodells eine
Handlungsanweisung zu erhalten, wie in den Prozessablauf
einzugreifen ist, um einen bestimmten vorgegebenen Zielwert als Prozessoutput
zu erreichen.
c) Optimierung
Wie die Prozessparameter einzustellen sind, lässt
sich mit genetischen Algorithmen ermitteln. Diese Algorithmen sind
universell einsetzbare Suchverfahren, die Lösungen zu Problemen
nach Prinzipien entwickeln, die natürlichen genetischen
Populationen nachempfunden sind. Genetische Algorithmen sind in der
Lage, Informationen über einen anfangs unbekannten Suchraum
auszuwerten. Der Algorithmus startet mit zufällig erzeugten Lösungen.
Aufeinanderfolgende Suchvorgänge werden ausgehend von relativ
guten Lösungen in Unterräume verzweigt, in denen eine
bessere Lösung vermutet wird. Relativ schlechte Lösungen
sterben im EvolutionsProzess aus.
Wegen ihrer Robustheit sind genetische Algorithmen in Verbindung mit
einem Prozessmodell universell zur Optimierung einsetzbar. Dazu
werden die beeinflussbaren Prozessgrößen als
Modellinput mit einer Kostenfunktion bewertet und die übrigen Größen
und Nebenbedingungen entsprechend dem untersuchten Prozesszustand
vorgegeben. Auf der Outputseite legt man das gewünschte Niveau
der Zielgröße fest. Für diese Arbeitsposition sucht
der genetische Algorithmus dann den kostengünstigsten
Betriebspunkt innerhalb des Zielgrößenniveaus.
2.4 Anwendung des optimierten Systems
Abbildung 2: Technische Integration
intelligenter Systeme in die Leittechnik.(2)
In dieser letzten Phase des Projektablaufs wird die entwickelte Lösung
zunächst als Prototyp implementiert und über die festgelegten Schnittstellen
in die bestehende Softwareumgebung des Prozessleitsystems integriert,
siehe Abbildung 2. So ist der Datenaustausch mit Prozessdatenbanken über
eine ODBC-Schnittstelle realisierbar. Die Datenerfassung bei prozessnaher
Einbindung ist beispielsweise mit DataEngine V.i. und LabVIEW sowie Feldbusankopplung
möglich.
Auf Prozessleitebene kann die Softwareintegration über
DataEngine ADL, einer C++ Klassenbibliothek für verschiedene
Compiler und Betriebssysteme, vorgenommen werden. Das erstellte System
kann dann am realen Prozess zum Einsatz kommen, um die
Softwarefunktionalitäten zu testen. Zur Evaluierung des Systems
wird dessen Leistungsfähigkeit im Vergleich mit den zuvor
genutzten Einrichtungen ermittelt. Nach erfolgreicher Testphase
erfolgt abschließend die endgültige Freigabe und das System
kann dauerhaft genutzt werden.
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