Intelligente Prozessoptimierung in der
Verfahrenstechnik
3 Anwendungsfelder intelligenter Prozessoptimierung
Die Anforderungen an die industrielle Produktion steigen ständig:
Die Produktqualität soll weiter verbessert, die Produktionskosten
sollen verringert und Prozessabläufe beschleunigt werden. Um
weitere Fortschritte in dieser Richtung erzielen zu können müssen
neue Wege auf dem Gebiet der Prozessoptimierung beschritten
werden. Die elementare Problematik solcher Optimierungstrategien ist
das Aufspüren der möglichen Ansatzpunkte innerhalb des
Produktionsprozesses. Durch eine gezielte Prozessoptimierung mit
Hilfe von Methoden intelligenter Datenanalyse lassen sich die Prozesse
an diesen Punkten dann verbessern. Die Prozessoptimierung kann
dabei auf einzelne technische Einrichtungen, Apparate, Teilprozesse
oder gesamte Prozesse sowie deren Prozessführung angewendet
werden.
Im folgenden sind einige Applikationen beschrieben, die aus
verschiedenen Anwendungsfeldern der Prozessoptimierung stammen
und auch jeweils unterschiedliche Optimierungsansätze beinhalten.
Im ersten Unterabschnitt sind Beispiele für die vielfältigen
Einsatzmöglichkeiten intelligenter Methoden zur Prozessoptimierung
enthalten. Tabelle 8 gibt zunächst einen Überblick
hinsichtlich Branche, Prozess und Optimierungsziel der
Applikation, anschließend folgt zu jeder Problemstellung eine
Kurzbeschreibung und inhaltliche Zusammenfassung der Vorgehensweise.
Im zweiten Unterabschnitt sind aus den bei der MIT GmbH realisierten
Projekten exemplarisch drei Aufgabenstellungen detaillierter
dargestellt. Sie beziehen sich auf die typischen Anwendungsfelder Führung
von Chargenprozessen, Betriebspunktoptimierung von Fließprozessen
und das modellgestützte Messen in der Verfahrenstechnik.
|
Branche |
Prozess |
Zielgröße |
|
Metallverarbeitung |
Spanende Bearbeitung - Schleifen |
Wirtschaftlichkeit, Qualität, Umweltschutz |
|
Metallverarbeitung |
Spanlose Formgebung - Pressen |
Qualität |
|
Steine und Erden |
Mechanische Verfahrenstechnik - Mahlen |
Wirtschaftlichkeit, Qualität |
|
Umwelttechnik |
Modellgestütztes Messen |
Wirtschaftlichkeit, Qualität, Umweltschutz |
|
Chemie |
Modellgestütztes Messen |
Qualität |
|
Biotechnologie |
Biochemische Verfahrenstechnik - Fermentation |
Wirtschaftlichkeit, Qualität |
|
Stahl |
Hochofen |
Wirtschaftlichkeit |
Tabelle 8: Einordnung ausgewählter
Anwendungsberichte zur Prozessoptimierung
3.1 Anwendungsmöglichkeiten von
DataEngine zur Prozessoptimierung
3.1.1 Modellgestützte Optimierung von
Schleifprozessen mit Hilfe eines genetischen Algorithmus und der
Zielbaum-Methode
Schleifprozesse werden durch viele justierbare Parameter beeinflusst.
Bisher werden Schleifprozesse mit empirischen Modellen beschrieben. Damit
können die Auswirkungen von nur zwei bis fünf Input-Parametern auf den
Prozessoutput analysiert werden, alle anderen Einflussgrößen werden vernachlässigt.
Die Folge ist, dass das Modell nur begrenzte Validität besitzt. Durch den
Einsatz von modernen Methoden wie neuronalen Netzen und Fuzzy Sets kann
diese Situation verbessert werden. Zur Off-Line Prozessoptimierung von
Schleifprozessen werden daher als Prozessmodelle jeweils ein neuronales
Netz, Fuzzy Sets sowie multivariate Regression verwendet und verglichen.
So lassen sich auch sehr viele Input-Parameter im Modell berücksichtigen.
Zum Nachweis der Realisierbarkeit werden exemplarisch nur zwei Input-Parameter
betrachtet: Die Rate der Materialabtragung und die Schnittgeschwindigkeit.
Outputparameter des Modells sind die Rauheitstiefe, die parallele Restspannung
und die Bearbeitungsdauer. Aus diesen Outputgrößen wird der Zielfunktionswert
berechnet. Der Zielbaum ist in ökonomische, in ökologische Teilziele und
in Qualitäts-Teilziele unterteilt. Der Zielfunktionswert ergibt sich aus
der Linearkombination der Teilzielfunktionswerte. Ein genetischer Algorithmus
sucht die optimale Parametereinstellung je nach Gewichtung der Teilziele.
Durch den Einsatz von neuronalen Netzen oder Fuzzy-Sets in Verbindung
mit einem genetischen Algorithmus wird die optimale Parametereinstellung
für den Schleifprozess ermittelt und die gewünschte Qualität bei höchster
Wirtschaftlichkeit erzielt. Die Vorgehensweise ist universell gültig und
somit auch auf größere Parametersätze erweiterbar.(1)
3.1.2 Klassifikation von Prozessdaten
mit Fuzzy-Clustermethoden
Mit Hilfe eines online Prozess- und Qualitätsmonitoring Systems werden
Qualitätsmerkmale während des spanlosen Formens von Gewinden für Leitungsverbinder
bestimmt. Ziel ist es, Fehler wie Verwendung falscher Former oder Schmiermittel
bzw. den Einsatz verschlissener Formwerkzeuge frühzeitig zu erkennen.
Dadurch kann die Ausschussproduktion reduziert werden, die Produktionskosten
verringern sich entsprechend. Eine Messreihe je Formvorgang dauert etwa
eine halbe Sekunde. Aufgezeichnet wird das Torsionsmoment, das auf das
Formwerkzeug wirkt. Daraus lassen sich Aussagen über die Qualität der
Halbzeuge gewinnen. Aus dem Signalverlauf werden 26 physikalisch sinnvolle
Merkmale berechnet, aus denen je nach verwendeter Methode zur Datenanalyse
die geeigneten selektiert werden. Als Muster unterscheidet man die Zustände
hoher Verschleiss und niedriger Verschleiss. Ergebnis einer Analyse mit
Fuzzy-Clusterung ist eine Klassenzugehörigkeit, die den Verschleiss des
Formers als Qualitätskenngröße beschreibt. Durch die Qualitätsüberwachung
in Echtzeit ist ein sofortiger Eingriff in den Fertigungsprozess möglich,
sobald geforderte Qualitätskriterien nicht erfüllt werden.(2)
3.1.3 Analyse von Prozessdaten eines
Zementmahlkreislaufs mit DataEngine
In einem Zementwerk werden mit Hilfe moderner Methoden der
Datenanalyse Prozesszustände des Zementmahlkreislaufs aus
bis zu 80 Prozessgrößen erkannt und bewertet. Diese
Zustandserkennung und -bewertung ist die Voraussetzung, um anschließend
über eine Zustandsbeeinflussung den Prozess führen zu können.
Ziel der automatischen Prozessführung ist die Maximierung
der Ausbeute an Fertiggut mit der vorgegebenen Qualität und die
Gewährleistung kurzer Einschwingzeiten bei Anfahrvorgängen,
kritischen Zuständen (Vollaufen der Mühle) oder
Arbeitspunktverschiebungen durch Schwankungen der
Rohstoffeigenschaften. Dazu wird die aktuelle Prozesssituation
hinsichtlich Zementqualität und Mühlendynamik
diagnostiziert. Durch Fuzzy Clusterung der Datenstrukturen lassen sich
Übergänge von einem Prozesszustand zu einem anderen im
Zeitablauf ermitteln. Der aktuelle Status des Prozesses wird dadurch
auch hinsichtlich seiner Zugehörigkeit zu einer Zustandsklasse
quantifiziert. Basierend auf diesen Informationen können
Rohstoffmischung und Mühlendynamik optimiert werden.(3)
3.1.4 Klassifikation der Wasserqualität
durch ein Multilayer-Perceptron Netzwerk zur Online Steuerung von
Regenwasser-Auffangbecken
Bei Regenfällen sammelt sich Wasser von den Straßen in
der städtischen Kanalisation. Wegen der beschränkten Kapazität
von Kläranlagen muss bei schweren Regenfällen ein Teil
des Wassers in Auffangbecken zeitweise zwischengespeichert werden. Um
die Kapazität der Auffangbecken optimal auszulegen und nur mit zu
einem gewissen Grad verschmutzten Wasser optimal nutzen zu können,
wird die Wasserqualität geschätzt. Statt teurer und
wartungsintensiver automatischer Messwerterfassungsanlagen kommen
kostengünstige Sensoren zum Einsatz, die Hilfsmessgrößen
des Kanalisationswassers erfassen. Daraus ermittelt ein neuronales
Netz die Ausprägung derjenigen Zielmessgrößen,
die den Verschmutzungsgrad kennzeichnen. Als Beispiel wird die
indirekte Messung des Total Organic Carbon (TOC) Wertes aus sechs
Hilfsgrößen realisiert. Der erzielte Nutzen des optimierten
Systems liegt sowohl in verringerten Kosten für
Regenwasser-Auffangbecken und deren Messeinrichtungen als auch in
einer geringeren Verschmutzung von Flüssen durch
Kanalisationswasser.(4)
3.1.5 Bestimmung physikalischer
Eigenschaften von Produktmischungen
Die physikalischen Eigenschaften von Wärmeträgern(5)
einerseits und Mischungen von Tensiden und Waschmittel-Polymeren
andererseits werden untersucht. Ziel ist es, die Abhängigkeit
physikalischer Größen von Produkteigenschaften funktional
zu beschreiben.
Für verschiedene Mischungen von Wärmeträgern wird die
kinematische Viskosität des Fluids(6) mit Hilfe von neuronalen
Netzen modelliert. Betrachtet wird die stark nichtlineare Abhängigkeit
von der Temperatur und dem Mischungsverhältnis zweier
Grundsubstanzen. Gegenüber einer Regressionsanalyse basierend auf
einem physikalischen Modell kann durch die Anwendung neuronaler Netze
der mittlere relative Fehler der Viskositätsvorhersage von 10%
auf nur 4% reduziert werden. Als Bestandteil einer Softwarelösung
dient das neuronale Netz dazu, Kunden bedarfsorientiert über die
physikalischen Eigenschaften von Wärmeträger-Produkten zu
informieren.(7)
Für eine zielorientierte Entwicklung neuer Waschmittelsubstanzen ist
es erforderlich, die Wirkungen von Tensiden im Elutionsprozess(8) zu analysieren.
Wegen dessen hoher Komplexität ist eine quantitative oder funktionale
Beschreibung nicht möglich. Auch ist die wechselseitige Beeinflussung
von Waschmittel-Polymeren und Tensiden weitgehend unbekannt. Untersucht
wird die Abhängigkeit der Oberflächenspannung vom Mischungs- und Konzentrationsverhältnis
der betrachteten Substanzen und der Tensid-Lebensdauer. Über ein neuronales
Netz kann diese Abhängigkeit mit einem RMS-Fehler von 2% für Training
und Test modelliert werden.(9)
3.1.6 Datenanalyse und Wissenserwerb in
der Biotechnologie
Gegenstand der Untersuchung an einem Fermenter(10) ist der
Zusammenhang zwischen dem zeitlichen Verlauf einer Zustandsgröße
der Vorkultur und dem zeitlichen Verlauf der Ausbeute an Antibiotikum
der Hauptkultur. Aus 10 Chargen werden die Trajektorien der
betrachteten Prozessgrößen zunächst je
Zeitabschnitt klassifiziert. Anschließend werden die bestehenden
Relationen zwischen den Klassen ermittelt, bewertet und die
wichtigsten ausgewählt. Im dritten Schritt werden für diese
selektierten Relationen Fuzzy-Regeln erzeugt. Sowohl die Definition
von Zugehörigkeitsfunktionen als auch die Auswahl von
Fuzzy-Regeln läuft automatisch ab. Die drei linguistischen
Variablen besitzen jeweils nur zwei Terme. Von den aufgestellten 16
Regeln sind vier signifikant. Eine automatische und optimale
Identifikation von Parametern, die die Zugehörigkeitsfunktionen
definieren, wird abschließend nach mehreren Zielkriterien
vorgenommen. Die verschiedenen Parametersätze führen zu
Regeln, die sich zur Fehlerdiagnose in der Anfangsphase des Prozesses
(Abbruchkriterien) und zur Klassifikation der Qualität der
Vorkultur hinsichtlich der Impfung des Fermenters und der zu
erwartenden Ausbeute der Charge eignen.(11)
3.1.7 Optimierte Hochofenfahrweise mit
Hilfe eines neuronalen Netzes
Als eine wesentliche Kenngröße für die Beurteilung
des Prozesszustands wird an modernen Hochöfen die radiale
Temperaturverteilung über dem Ofenquerschnitt betrachtet. Durch
eine Optimierung dieser Temperaturverteilung kann eine erhebliche
Kostensenkung aufgrund einer verringerten Brennstoffeinsatzmenge
erzielt werden. Zur quantitativen Beschreibung der unbekannten Abhängigkeiten
zwischen den Prozess- bzw. Materialparametern und der
Temperaturverteilung werden neuronale Netze eingesetzt, auf deren
Basis sich anschließend eine Optimierung der Hochofensteuerung
realisieren lässt. Das neuronale Netz verarbeitet 7
materialspezifische Einflussgrößen, 5 Prozessgrößen
des Ofens und 8 Sondenmesswerte zur Abbildung des
Temperaturprofils als Eingangswerte. Die Steuerparameter zur
Beschreibung der Materialeinbringung sind über 7 Ausgabewerte des
Netzes modelliert. Eine Änderung der Materialeinbringung wirkt
sich nach ca. 8 Stunden, eine Änderung der Materialeigenschaften
erst nach 24 Stunden auf das Temperaturprofil aus. Zur Steuerung des
Hochofens kann nun das gewünschte Temperaturprofil vorgegeben
werden. Das neuronale Netz liefert dann in Abhängigkeit von den übrigen
aktuellen Zustandsgrößen eine Empfehlung, wie das Programm
für die Materialeinbringung einzustellen ist. Damit hat man
letztlich die Möglichkeit, den Hochofen mit Hilfe der direkt
steuerbaren Größen von ungünstigen Zuständen in
den optimalen Bereich zurückzuführen.
3.2 Optimierung von Chargenprozessen
3.2.1 Prozessbeschreibung
Bei dem zu optimierenden Prozess handelt es sich um einen
Semi-Batch-Reaktor, in dem aus Ethylen und Propylen Polyether
hergestellt wird, vgl. Abbildung 3. Besonders während des
Anfahrprozesses ist die Prozessdynamik schwer zu beherrschen. Der
chemische Prozess ist durch die folgenden Eigenschaften
gekennzeichnet:
- Die Reaktion verläuft nach einer Aufheizphase stark
exotherm.
- Die Reaktionsgeschwindigkeit ist temperaturabhängig.
- Die Eigenschaften des Polyethers verändern sich im Verlaufe
des Prozesses infolge Polymerisation.
- Der Flüssigkeitsanteil im Reaktor vergrößert sich
zulasten des gasförmigen Anteils im Verlaufe der Reaktorbefüllung.
Zusätzlich ist das Verhalten von der Eduktzusammensetzung abhängig.
Die erfassten Prozessgrößen Reaktordruck und
-temperatur sind miteinander verkoppelt und variieren nichtlinear in
Abhängigkeit vom Prozesszustand und der Dosierrate über
einen weiten Bereich, ein bestimmter Arbeitspunkt wird also nicht
eingehalten.
Die Prozessführung muss Sicherheits-, Produktivitäts-
und Qualitätsziele gleichzeitig beachten. Als
Sicherheitsanforderung dürfen bestimmte maximal zulässige
Reaktordruck- und Temperaturwerte nicht überschritten werden. Der
Zeitbedarf für den Prozessablauf beeinflusst direkt die
Produktivität und das Prozessverhalten bei Temperaturführung
die Qualität.
Stellgrößen des Prozesses sind die Thermalöltemperatur
und die Dosierrate, die während des Anfahrens durch den Bediener
beeinflusst werden.
Sofern mathematische Modelle für derartige Prozesse analytisch
abgeleitet werden können, sind sie sehr komplex und hochgradig
nichtlinear. Ausserdem sind darin eine Reihe von unbekannten
Parametern enthalten, die nur mit geringer Genauigkeit identifiziert
werden können. Für eine analytische Reglersynthese sind sie
daher ungeeignet.
Abbildung 3: Schemazeichnung der Polyether
Produktionsanlage mit Reaktor, Dosiereinrichtung und Wärmetauscher
Obwohl Fuzzy-Controller im Prinzip für diese Problemklasse
geeignet sind, scheitert deren heuristischer Entwurf oft an der großen
Anzahl von Einflussgrößen. Man ist daher auf erfahrene
Bediener angewiesen, die jedoch den Prozess jeweils
unterschiedlich führen, so dass keine konstante
Produktqualität entsteht. Ausserdem variieren die
Verarbeitungszeiten, nachfolgende Verfahrensschritte werden verzögert
und die Produktionsplanung wird erschwert.
3.2.2 Erzielte Nutzensteigerung durch
Prozessoptimierung
Ziel der Prozessoptimierung ist es, die Reproduzierbarkeit der Fahrweise
zu erhöhen. Mit Hilfe einer Fuzzy-Dosierregelung soll dazu der Anfahrprozess
der Polyetherproduktionsanlage automatisiert werden.(1)
Mit dem Software-Tool WINROSA können auch für komplexe
Prozesse Fuzzy-Controller entworfen werden, weil es den wichtigen
Vorgang der Wissensakquisition erleichtert. Die signifikanten
Wirkungszusammenhänge der Einflussgrößen werden
durch Prozessdatenauswertung automatisch in Wenn-Dann-Regeln gefasst.
Die Datenbasis für die automatische Wissensakquisition besteht
aus nur drei Prozessdurchläufen für jeweils
unterschiedliche Produktarten und geführt durch verschiedene
Bediener. Die Daten stammen aus Messwerterfassungen während
der laufenden Produktion, ohne die Produktionsplanung zu beeinträchtigen.
Zum Entwurf des Dosierreglers wertet das System die Prozessgrößen
- Reaktordruck und Druckänderungen,
- Reaktortemperatur und Temperaturänderungen,
- Stellwert des Temperaturreglers für den Wärmetauscherkreislauf,
- Regelabweichung hinsichtlich Reaktortemperatur,
- Bereits dosierte Menge an Edukt
aus. Ergebnis dieses Vorgangs ist die Repräsentation der
Wirkungszusammenhänge mit der Dosierrate beim Anfahren der
Polyetherproduktion als Wissensbasis aus 128 Fuzzy-Regeln, die auch für
verschiedene Produktarten gültig sind. Die Temperaturreglung übernimmt
ein PID-Regler mit Fuzzy-Korrektur. Das Anfahren einer Charge mit
Fuzzy-Prozessführung ist in Abbildung 4 und Abbildung 5
dargestellt.
Durch die Automatisierung der Dosierung während des
Anfahrprozesses können
- Sicherheitsanforderungen an Reaktortemperatur und Reaktordruck
sehr gut eingehalten,
- Betriebsabläufe durch Planbarkeit der Bearbeitungsdauer
verbessert und
- konstante Produktqualitäten erreicht werden.
Abbildung 4: Dosierrate während des
Anfahrens mit einer Unterbrechung aufgrund eines technischen Fehlers
nach 35 Minuten (links) und Soll-/Ist-Werte der Reaktortemperatur
(rechts).
Abbildung 5: Reaktorinnendruck während
des Anfahrens (links) und Stellgröße des Temperaturreglers
für den Wärmetauscherkreislauf (rechts).
3.3 Optimierung von Fließprozessen
Prozessbeschreibung
Mahlen ist einer der energieaufwendigsten Verfahrensschritte in der
Grundstoffindusrie. Um Kosten hierbei senken zu können, ist es
unablässig, alle Möglichkeiten zur Verringerung des
Energieverbrauchs zu beschreiten.
Abbildung 6: Prinzipielles Fließbild
einer Zementmahlanlage(1)
In einem Zementwerk werden Kugelmühlen zum Zermahlen von
Klinker, Gips und Kalkstein zu Zementpulver eingesetzt. Diese Mühlenbauform
(Abbildung 6) besteht aus einem horizontal gelagerten, drehbaren
Zylinder und setzt als Mahlkörper Stahlkugeln verschiedener Größe
zum Zerkleinern des eingebrachten Materials ein.
Das Mahlen des Zements ist ein kontinuierlich ablaufender Prozess.
Die Mühle ist mit Sichtern im Kreislauf geschaltet, so dass
der anfallende Grieß zum Teil wieder in die Mühle zurückgeführt
wird. Der Gutstrom fließt dem Speichersilo zu. Zum Abtransport
der mit dem Mahlgut und durch die Mahlung zugeführten Wärme
wird die Mahlkammer von einem Luftstrom durchflossen. Zusätzlich
kann durch Wassereindüsung in die Mahlkammer die Wärmeabfuhr
verbessert werden.
Die Mühle wird mit neben den Grundstoffen mit weiteren Einsatzstoffen
wie granulierter Hochofenschlacke, Puzzolan, Flugasche und anderen anorganischen,
mineralischen Substanzen je nach Zementart in verschiedener Zusammensetzung
befüllt. Der Mahlprozess lässt sich ausserdem über die Sichterdrehzahl,
die Sichterventilation und die Wassereindüsung in die Mahlkammern beeinflussen.
Das Mahlen als letzter Verarbeitungsschritt bei der
Zementherstellung dient der Erzeugung größerer spezifischer
Oberflächen und bestimmt somit die Feinheit des Zementpulvers.
Die Pulverfeinheit ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Sie
beeinflusst die Leistungsfähigkeit des Zements. Je feiner
das Zementpulver ist, desto schneller läuft die Reaktion mit
Wasser ab. Daraus resultiert dann schnelleres Abbindeverhalten und höhere
Festigkeit.
Während des Mahlens werden die Quantitäten und die
Zusammensetzung des Materialflusses gesteuert und geregelt, indem aus
ständig überwachten Qualitätsmerkmalen Stelleingriffe
zur Prozessführung abgeleitet werden. Ziel der Prozessoptimierung
ist es, die Transparenz des Prozesszustands und damit die Prozessführung
zu verbessern, indem die Zementfeinheit als qualitätsrelevante Größe
über ein neuronales Netz aus Prozess- und Steuergrößen
abgebildet wird.
Mit diesem Prozessmodell kann man zunächst vorhersagen, zu
welcher Produktqualität eine bestimmte Einstellung der Kugelmühle
führt. Umgekehrt lässt sich in einem zweiten Schritt
durch Invertierung des Modells die wichtige Information gewinnen, wie
die Stellgrößen einzurichten sind, damit eine vorgegebene
Zementfeinheit hergestellt werden kann. Abschließend ist in
einem dritten Schritt derjenige Betriebspunkt zu suchen, für den
die gewünschte Zementfeinheit zu minimalen Kosten erzielt werden
kann.
a.) Prozessmodellierung
Um die spezifische Oberfläche des Zements zu ermitteln, wird in
einem physikalischen Testverfahren die Blaine-Feinheit
bestimmt. Sie gibt für körnige Materialien die gesamte
Oberfläche der Körner pro Maßeneinheit an Material
an.(2)
Zunnächst trainiert man das neuronale Netz auf den Zusammenhang
zwischen dem Momentanzustand der Kugelmühle und der zukünftigen
Zementfeinheit, Abbildung 8 (links). Das Netz verhält sich nach
erfolgreichem Training wie ein Modell des Mahlprozesses, vgl.
Abbildung 7 (links), und sagt aus dem momentanen Betriebszustand die
zu erwartende Zementfeinheit voraus. Der rechte Teil dieser Abbildung
zeigt dazu in Form einer Sensitivitätsanalyse exemplarisch, wie
sich Änderungen von Stellgrößen der Kugelmühle
auf das gewählte Qualitätsmerkmal auswirken, wenn für
alle anderen Prozessgrößen der Arbeitspunkt
beibehalten wird.
Abbildung 7: Approximationsgenauigkeit von
Blaine-Wert (links) mit Hilfe eines neuronalen Netzes als Prozessmodell
und Sensitivitätsanalyse hinsichtlich Luftstrom- und Drehzahländerungen
des Sichters um einen Arbeitspunkt (rechts, normierte Größen).
b) Invertierung des Prozessmodells
Ziel der Invertierung ist es, aus der Vorgabe des betrachteten
Qualitätsmerkmals eine Handlungsanweisung für die Prozessführung
abzuleiten. Die Invertierung des Prozessmodells kann über
zwei Vorgehensweisen erreicht werden:
(1.) Man trainiert ein weiteres neuronales Netz auf den
inversen Zusammenhang mit Daten, die durch Simulation aus dem
neuronalen Netz des Prozessmodells abgerufen werden. Diese
Methode zeigt Abbildung 8. Am inversen Modell vertauscht man die
Steuergrößen und die Zielgröße(n).
Sichterdrehzahl, Sichterventilation und injizierte Wassermenge werden
zu Outputgrößen, die Zementfeinheit wird als Inputgröße
dem zweiten neuronalen Netz zugeführt. Voraussetzung hierbei ist,
dass das Modell invertierbar ist, d.h. der Zusammenhang zwischen
der Zielgröße als Inputvariable und den Stellgrößen
des Prozesses als abhängige Größen muss eindeutig
sein.
Abbildung 8: Eine Vorgehensweise beim
Engineering einer neuronalen Prozessführung. Mit Prozessdaten
wird das Modell M erzeugt (links), das inverse Modell M-1 wird mit
Daten des Modells M trainiert (rechts).
(2.) Der andere Weg zur Invertierung des Prozessmodells
ist die Verwendung des bereits erstellten Prozessmodells in
Verbindung mit einem genetischen Algorithmus. Der Algorithmus
durchsucht den Lösungsraum, der für jeden Prozesszustand
durch die einstellbaren Prozessvariablen aufgespannt wird. Für
zufällig erzeugte Inputvektoren wird die zu erwartende
Zementfeinheit über Prozesssimulation ermittelt. Der
euklidische Abstand der aktuellen Zielgrößenausprägung
von einem vorgegebenen Zielwert wird im Verlaufe des Verfahrens
minimiert. Das Verfahren schließt ab, wenn eine
Anlageneinstellung gefunden ist, die zu dem betrachteten Vorgabewert führt
oder ihr nach einer begrenzten Suchzeit am nächsten kommt. Die
Verwendung des genetischen Algorithmus zur Betriebspunktermittlung ist
universell einsetzbar, insbesondere unabhängig von der
Invertierbarkeit des Prozessmodells nach der zuerst beschriebenen
Vorgehensweise.
c) Kostenoptimale Anlageneinstellung
Ein weiterer Vorteil des Einsatzes genetischer Algorithmen besteht
darin, dass durch Definition von Kostenfunktionen für die
Einsatzmengen der beeinflussbaren Prozessvariablen die
Betriebspunktermittlung ohne weiteres zu einer Vorgehensweise für
die Ermittlung der kostenoptimalen Anlageneinstellung erweitert werden
kann.
Abbildung 9: Verlauf der minimalen Kosten
(normiert) über der Zielgröße Zementfeinheit
Dazu ist lediglich die Bewertungsfunktion für den Grad der
Zielerreichung zu erweitern. Die ursprüngliche Bewertung des
Abstands zum Vorgabewert für die Zielgröße
Zementfeinheit wird linear kombiniert mit der Kostenfunktion für
steuerbare Einsatzmengen. Existieren mehrere Anlageneinstellungen zu
einem Vorgabewert, dann findet der genetische Algorithmus aus diesen möglichen
Einstellungen diejenige mit den minimalen Kosten.
Abbildung 9 enthält das Ergebnis der Kostenminimierung. Sie
gibt zu jedem Zielwert der Zementfeinheit an, welche Kosten für
eine feste, exemplarisch gewählte Kostenbewertung der Stellgrößen
im Verfahrensschritt Zementmahlen mit optimierter Anlageneinstellung
minimal erreicht werden können. Aufgrund der modellbasierten
Prozessoptimierung sind damit gleichzeitig auch die verschiedenen
Handlungsanweisungen für die Prozessführung realisiert.
3.3.2 Erzielte Nutzensteigerung durch
Prozessoptimierung
Neuronale Netze stellen ein zusätzliches Hilfsmittel dar, um
intelligente Automatisierungssysteme höherer Leistungsfähigkeit
zu realisieren. Dabei sind im wesentlichen zwei Ansatzpunkte von
Interesse:
- Erstellen eines Modells des zu automatisierenden Prozesses (What-If-Analyse)
- Optimieren der Anlageneinstellung je nach gewünschtem Zielgrößenniveau
Bei einer verbesserten Prozessführung sind erhebliche
wirtschaftliche Vorteile durch schnellere Einregelvorgänge,
optimierten Ressourceneinsatz und geringere Qualitätstoleranzen
zu erwarten. Im vorliegenden Anwendungsfall unterstützt das
neuronale Netz den Bediener der Kugelmühle hierbei durch folgende
Leistungen:
- Vorschlag von Steuerhandlungen für die kostenoptimale
Fahrweise der Zementmühle im Normalbetrieb
- Vorhersage des Verfahrensablaufs zur Bestätigung der eigenen
Fahrweise - das Prozesswissen steht jederzeit reproduzierbar
zur Verfügung
- Früherkennung von Prozessstörungen in der Mühle
und sichere Einflussnahme auf den Prozessablauf
- Verbesserte Kontinuität in der Zementproduktion
3.4 Prozessoptimierung und modellgestütztes
Messen
Die moderne Prozessleittechnik mit dezentral strukturierter
Informationsverarbeitung hat das Potential des Informationshaushaltes
für Steuerung, Regelung, Beobachtung, Bedienung, Optimierung und
sichere Prozessführung wesentlich erhöht. Zur Ausschöpfung
dieses steigenden Potentials der Informationsverarbeitung ist auch
eine Steigerung der direkt oder indirekt erfassten Information über
den Prozesszustand erforderlich. Hier besteht ein relativer Engpass:
Die Entwicklung der Sensorik(1) bleibt hinter der Entwicklung der
Informationsverarbeitung zurück. Kritisches Glied der messtechnischen
Wirkungskette ist daher der Sensor.
Aufgabe der Informationsverarbeitung ist es, die Signalgröße
des Sensors zu ihrer Ursache in Beziehung zu setzen, um durch
Interpretation eine nutzbare Information zu ergeben. Hierbei kann
durch serielle, parallele oder assoziative Verknüpfung von
Einzelinformationen die verfügbare Information erweitert werden.
Oft sind die relevanten Eigenschaften, die einen Prozess oder
ein Produkt hinreichend beschreiben, nur sehr schwierig zu ermitteln.
Dann kann auf leichter messbare Eigenschaften ausgewichen werden.
Die bessere verfahrenstechnische Durchdringung als Voraussetzung für
die Optimierung zwingt, noch stärker als bisher relevante
Eigenschaften messbar zu machen, die als signifikante
Verfahrensindikatoren für eine verbesserte Prozessführung
nutzbar sind.(2)
Durch Integration von a priori-Wissen in den Messprozess
wird die Aussagefähigkeit von Messgrößen sowohl in ihrem Umfang als auch
in ihrer Zuverlässigkeit entscheidend erhöht. Voraussetzung hierfür ist
ein hinreichend genaues Modell des jeweiligen Prozesses. Der Einsatz intelligenter
Methoden zur Modellierung bietet verbesserte Lösungsmöglichkeiten, weil
sie auch für solche Prozesse einsetzbar sind, die sich der klassischen
Vorgehensweise über eine mathematischen Modellierung entziehen oder in
denen Produkteigenschaften nur qualitativ beschreibbar sind.
3.4.1 Prozessbeschreibung
Als Anwendung intelligenter Technologien zur Prozessoptimierung
mit Hilfe der Methode des modellgestützten Messens wird die
Herstellung eines Vorprodukts von Gummiformartikeln betrachtet.(3) Zur
Qualitätskontrolle des Vorprodukts ist es erforderlich, bei der
Produktion physikalische Eigenschaften der hergestellten
Kautschukmischung zu überprüfen. Insbesondere beeinflusst
die Viskosität als Qualitätsmerkmal der Mischung die
nachfolgenden Verarbeitungsschritte des Vorprodukts. Die Viskositätsmessung
durch Probenentnahme und Laboranalyse wird hierbei durch ein Messsystem
ersetzt, mit dem die Viskosität aus Prozessgrößen
online über ein neuronales Netz bestimmt werden kann.
Das Messsystem wird an einem Walzwerk eingesetzt, das eine stark aufgeheizte
Kautschukmischung kühlt. Dieser Verarbeitungsprozess beeinflusst maßgeblich
die Fließfähigkeit der Mischung. Beim Walzprozess bildet sich auf der
Arbeitswalze ein konstantes Gummifell aus. Seine Dicke ist abhängig ist
vom eingestellten Abstand zwischen der Arbeitswalze und einer zweiten
Walze sowie von physikalischen Eigenschaften der Gummimischung. Infolge
intensiver Wasserkühlung der Walzenkörper sowie Konvektion an der Umgebungsluft
nimmt die Temperatur des Fells während der Walzzeit kontinuierlich ab.
Die Messeinrichtung (Abbildung 10) erfasst über eine
Kraftmessdose und einen Messkeil, der zu etwa 30% in das
Kautschukfell eintaucht, die entstehende Reaktionskraft. Da die
Reaktionskraft des Fells auf den Messkeil stark von der
Temperatur des Kautschuks abhängig ist, wird die Oberflächentemperatur
vor dem Einlauf in den Messkeil mit einem Infrarot-Thermometer
gemessen. Die Felldicke in der Spur vor dem Messkeil nimmt ein
Laser-Abstandssensor auf. Darüber hinaus können, wenn
erforderlich, weitere Daten wie z.B. Walzendrehzahl oder Walzenspalt
gemessen werden.
Abbildung 10: Arbeitsprinzip des Viskositäts-Messsystems.
Zur Modellierung der Viskositätsabhängigkeit von den erfassten
Prozessgrößen wird ein neuronales Netz mit den
Mittelwerten der Zeitreihen und den im Labor bestimmten Viskositätsdaten
trainiert. Als Eingangsinformationen dienen die Kraft, Felltemperatur
und Felldicke aus 27 Datensätzen.
3.4.2 Erzielte Nutzensteigerung durch
modellbasierte Messung
Die folgende graphische Darstellung belegt die Qualität der
Modellierung. Sie stellt die durch das neuronale Netz berechneten
Viskositätswerte den Sollwerten aus der Laboranalyse gegenüber
und zeigt die relativen Fehler der Approximation. Die Annäherung
ist mit einem maximalen relativen Fehler von 1.9% und einem mittleren
relativen Fehler von unter 0.15% sehr gut erfolgt.
Durch die modellbasierte Messung der Viskosität wird
- der Analyseaufwand während der Produktion verringert,
- hinsichtlich des Qualitätsmerkmals Viskosität der regelnde Eingriff
in den Walzprozess ermöglicht
- die Ausschussproduktion somit reduziert und
- das Niveau und die Konstanz der Qualität erhöht.
Abbildung 11: Ergebnisse der Viskositätsbestimmung
und relativer Fehler.
In einem weiteren Schritt der Prozessoptimierung können
darauf aufbauend die Schwankungsbreite und die Toleranzgrenze der
Produktqualität minimiert werden.
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